Reisebericht Sarek Nationalpark, Lapponia 2011
Vorwort
Als ich im Internet die ersten Sätze über den Sarek Nationalpark las, war mir sofort klar: Dieser muss unbedingt in meine Produktion. Ein riesiges Gebiet von fast 2'000 km2 ohne menschliche Infrastruktur, fernab der Zivilisation, mit Gebirgen, langen Tälern und mäandrierenden Flüssen, ist genau das, was meine Füsse betreten wollen. Zudem wird der Sarek als letzte grosse Wildnis Europas bezeichnet. Diese Ansicht teile ich allerdings nicht. Unberührte und verlassene Gebiete gibt es noch einige in Europa. Nicht alle sind allerdings bekannt oder beliebt unter den Trekkern. Fest steht: der Sarek Nationalpark ist das Herz von Lapponia, ein 9'400 km2 grosses Stück Wildnis. In der Live-Diashow sollte das Trekking Abenteuer im Sarek ca. 10 Minuten, auf der DVD ca. 13 bis 14 Minuten ausmachen. Als ich in einem Gespräch mit meinem fotografischen Kollegen Richard Kübler den Sarek Nationalpark erwähnte war sein Kommentar unmissverständlich: „Da komm ich mit, lass uns gleich einen Flug buchen?“
Reisebericht
Am Nachmittag des 07. Septembers stellte ich zum ersten Mal mein Stativ in Lappland auf. Ruhig und genussvoll montierte ich meine analoge Fujica 6x9 Rollfilm Kamera und schaute durch den Sucher. Was für ein Gefühl!
Im Vorfeld dieser ersten Aufnahme und dem jetzt folgenden, knapp zweiwöchigem Aufenthalt in der rauen Wildnis stand jedoch eine Menge Vorarbeit. Zuerst galt es sich über das Gebiet zu informieren. Ich habe das Taschenbuch „Sarek, Trekking in Schweden“ von Claes Grundsten durchgelesen und eine Landkarte besorgt. Das Buch ist sehr informativ und alle möglichen Touren sind präzise beschrieben. Das Taschenbuch hatte ich natürlich mitgenommen. Da wir uns während der ganzen Wanderung nichts zu Essen besorgen konnten, mussten wir den gesamten Proviant mitnehmen. Wir stellten uns folgende Überlebens-Verpflegung zusammen: Zum Frühstück Haferflocken und Sonnenblumenkerne, eventuell Suppe. Zum Lunch getrocknetes oder gekochte Fleischerzeugnisse und Schokolade, eventuell Suppe. Für das Abendessen hatten wir Polenta, Kartoffelstock, Gusgus oder Spaghetti vorgesehen mit Sauce und gekochten Fleischerzeugnissen. Das ergab dann pro Person um die 7Kg Proviant. Wasser ist überall reichlich vorhanden, so braucht man sich wenigstens um das nicht auch noch zu kümmern. Ein paar Tage vor der Abreise hatten wir auch unsere Trekkingausrüstung zusammen. Hier galt es erstens, zuverlässiges und zweitens, leichtes Material zu besorgen. Meine Wahl fiel auf die Schweizer Firma Exped. Da ich bereits ein Zelt aus diesem Hause besitze und äusserst zufrieden damit bin, konnte ich mit gutem Vertrauen auch auf die weiteren Produkte setzen. Richi und ich deckten uns mit zwei wasserdichten Rucksäcken, einer synthetischen- und einer daunenisolierten Matte, zwei ultraleichten Daunenschlafsäcken, einigen wasserdichten Packsäcken und zwei Ponchos ein. Zusätzlich umfasste unsere Ausrüstung: Gaskocher, Pfanne, Schweizer Taschenmesser, Löffel, Stirnlampe, Schnur, Seife, Block + Bleistift, WC Papier, Zahnbürste, Jasskarten und Tabak für gemütliche Rauchzeichen am Abend. Da das Fotografieren in der Wildnis ziemlich dem Barbarentum ähnelt, war die Ersatzwäsche extrem beschränkt: 1 Paar Unterhosen, 1 Paar lange Unterhosen, 2 Paar Socken und 1 T-Shirt. Da steuerte meine Foto/Videoausrüstung einiges mehr bei: Fujica 6x9 MF Kamera mit 60mm Weitwinkel Objektiv, OM-4Ti KB Kamera mit 24mm/2.0, 50mm/Makro, 180mm/2.8, Sony NEX-VG10 Full-HD Videokamera mit 18-200mm Objektiv und ein Manfrotto Stativ 190Pro mit Kugelkopf. Dazu kamen 1 Graufilter, Drahtauslöser und einige MF und KB Filme. Richi nahm seine Pentax 6x7 MF Kamera mit 45mm Weitwinkel und 75mm Normalobjektiv mit. Auch er setzt noch ganz auf die gute, solide und bewährte Fototechnik.
Nachdem wir nach Kiruna geflogen waren, fuhren wir gleich mit dem Bus weiter bis nach Gällivare und übernachteten im Grand Hotel Lappland. Der Preis war in Ordnung und da wir ohnehin keine andere Übernachtungsstätte sahen, gab es auch nicht viel zu Überlegen. Im Hotelzimmer kochte ich auf dem schönen Holz-Salontisch mit dem Gaskocher das erste Menu für uns: Kartoffelstock mit Servelat und einer Tomaten-Sojasauce. Es schmeckte köstlich und wir merkten, dass wir zu viele Portionen Kartoffelstock dabei hatten. Egal, besser so als anders rum. Am nächsten Tag fuhren wir wieder per Bus weiters bis Suorva. Durchs Fenster konnten wir eine grandiose Natur geniessen. Gelber Birkenwald durch welchen hin und wieder ein kleiner Fluss floss, frei ohne jede Verbauung oder Begradigung. Der Boden war übersäht mit saftig grünen Beerenstauden, Klee oder was auch immer. Hier hat das wilde Leben noch Platz für seine Entfaltung. Wo wir in der Schweiz von Naturbelassenen Seitentälern reden, kann man hier von ganzen Gebieten freier Natur sprechen. Obwohl bewölkt, die herrlichen Herbstfarben liessen in uns eine ungemeine Vorfreude auf den unmittelbar bevorstehenden Trip aufkommen. Das Gefühl im Bauch fühlte sich wie bei einem Rendezvous mit einer schönen Frau an. Ca. 3h später setzte uns der Bus in Suorva ab. Dieser Ort besteht lediglich aus einer Staumauer, einem Windrad und eins, zwei Häuser. Endlich ging es los. Ein heftiger und kühler Wind wehte durchs Tal und bis wir den richtigen Weg durch das grosse Staumauerareal fanden, dauerte es eine Ewigkeit. Schon nach kurzer Zeit machte mir das um die 30Kg schwere Gepäck zu schaffen, bestehend aus Rucksack mit Teleskopstöcken sowie Fotostativ auf je einer Seite und Fototasche die vorne an mir hing. Ich wandere zwar immer so mit Rucksack und Fototasche, bin mir das also so gewohnt, jedoch nicht mit diesem Gewicht. Das wird aber krass, dachte ich mir mehr als einmal. Ich werde mich, wohl oder übel, die nächsten 10 Tage daran gewöhnen müssen. Zuerst führte uns ein Kiesweg dem Ufer des Akkajaure (See) entlang. Der Wind liess langsam nach und es schien eine angenehme Wanderung für den Start werden. Doch schon bald mühten wir uns durch weglosen Sumpf. Der Respekt vor den kommenden erschwerten Bedingungen wuchs wieder. Zum Glück war das sumpfige Gebiet nicht gross, denn schon bald wanderten wir wieder auf einem Pfad durch herrlichen Wald mit vielen kleinen roten Blättern am Boden. Bald machten wir einen Halt. Mit diesem Gewicht schaffen wir es sowieso nicht, Stunden ohne Pause zu gehen. Richi montierte sein kleines Schweizer Souvenir Kuhglöckchen, welches er noch am Flughafen Zürich gesucht, gefunden und gekauft hat, am Rucksack. Dieses soll Bären vor uns warnen. Gibt es kein überraschtes Aufeinandertreffen, lauert auch keine grosse Gefahr. Nachdem das Glöcklein montiert war, war es an der Zeit, die erste Aufnahme unserer Sarek-Trekking-Tour zu vollbringen. Nun sind wir wieder am Beginn des Reiseberichts, ich stellte also das erste mal die Kamera auf.
Mein Stativ stand auf dem weichen Waldboden. Während ich den Drahtauslöser drückte, versuchte ich möglichst still zu stehen um das Bild nicht zu verwackeln. Der erste Schuss war im Kasten, nun folgt noch eine Videosequenz vom gleichen Sujet. Anschliessend folgte eine Aufnahme, bei der wir beide durch den Wald gehen. So wird das jetzt weitergehen. Ich hoffte, das Richi genug Geduld aufbringen wird, jede Szene mit uns mindestens zweimal zu machen. Ein paar Schritte weiter entdeckte ich einen Pilz der etwa dreimal so gross war wie meine Hand. Ein unglaubliches Exemplar. Bald trafen wir auf einen kleinen Bach, den es zu durchqueren galt, jedoch kein Problem darstellte. An diesem Bach begegneten wir auch zwei anderen Zweiergruppen die unterwegs waren. Ab der anderen Seite des Bachs führte der Weg hinauf, Richtung Sarek Nationalpark. Wir mussten nun 500 Höhenmeter überwinden. Aber alles zu seiner Zeit. Das Wetter war durch feinen Nieselregen und Wind bestimmt. Noch konnte das Wetter unserer Motivation und Freude nichts anhaben. Schon bald stellten wir unser Zelt gleich neben dem Pfad auf, in lichtem Wald, nahe einem kleinen Bach. Es fing bereits zu dämmern an, als die Schlafsäcke fertig ausgerollt waren. Schnell verkrochen wir uns darin. Es wurde nun spürbar kühl und da wir uns nicht mehr bewegten produzierte der Körper keine Wärme mehr. Zum Znacht gab’s Polenta mit Servelat. Zum Essen legten wir uns bäuchlings in den Schlafsäcken quer über die beiden Matten. Damit wir so überhaupt Platz fanden mussten wir die Unterbeine hochklappen. Die heisse Pfanne setzten wir auf den Naturboden, gleich vor dem Zelteingang und war somit zum Fressnapf deklassiert worden. So konnten wir uns warm, trocken und bequem über das Futter hermachen. Dies geschah jeweils ohne jegliche Manieren. Ja, auch so können sich Männer sehr wohl fühlen. Anschliessend versteckte Richi zwei wasserdichte Packsäcke mit unserem Fleischvorrat. So werden wir gut schlafen können und nicht gleich bei jedem Geräusch aufwachen weil wir eine Bärentatze am Zelt befürchten mussten. Wir schliefen gut. Und wie üblich wachte ich ein paar Mal in der Nacht auf.
Gegen den Morgen hatte ich definitiv zu warm und musste die langen Unterhosen und Socken ausziehen. Über meine langen Unterhosen kann ich noch etwas berichten: Sie sind dunkel-/hellblau gestreift, eng anliegend und entsprechen einem Liebestötermodell in welchem man auf keinem Fall von einer Dame gesehen werden möchte. Ich hatte dieses Modell vor über 10 Jahren im Yukon/Kanada gekauft. Beim Anziehen dieser, abends im Zelt, musste Richi natürlich sofort blöde Sprüche reissen. Mit diesen Unterhosen könne ich abstrakte Tanzaufführungen in der Kunstszene machen etc. Ich versprach ihm beim russischen Staatsballet in St. Petersburg den sterbenden Schwan zu spielen. Nachdem ich die Dinger nun wieder ausgezogen hatte, war das Wohlbefinden im neuen Daunenschlafsack herrlich. Leider tropfte es unaufhörlich aufs Zeltdach, was keine Vorfreude auf den neuen Tag aufkommen liess. An diesem Morgen würden wir das allerletzte Mal auf unserer Sarektour in trockene Schuhe schlüpfen. Zum Glück wussten wir das zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Auch beim zusammenräumen des Camps machte der Regen keine Pause. Der Weg führte durch den lichten Wald hinauf. Bald hörte es auf zu Regnen und der Fluss, den wir zu durchqueren hatten, wurde hörbar. Wir fanden, dass das Rauschen ziemlich laut sei und waren etwas beunruhigt. Als der Fluss (Njabbejahka) vor unseren Augen auftauchte, meinte Richi nur noch: „Nänei, nänei“. Vor uns floss eine beachtliche Menge an Wasser durch ein ca. 8-10 Meter breites Flussbett. Der Fluss sah schon mindestens Knietief aus und die Strömung war reissend. Das eigentliche Problem stellten die grossen Steine im Fluss dar, die das Flussbett ausmachten. Denn auf grossen Steinen würde es viel schwieriger werden, im reissenden Wasser halt zu finden. Wir liefen ein Stück dem Ufer entlang in beide Richtungen um die bestmögliche Stelle zu finden. Die Sonne kam hinter den Wolken hervor und schon sahen wir die Sache nicht mehr so dramatisch. Wir packten es an. Regenhosen wurden montiert, die Teleskopstöcke bereitgestellt und die Schnalle des Rucksacks geöffnet. Im Falle eines Sturzes sind die Chancen ohne Rucksack besser, schnell wieder aus der reissenden Strömung zu kommen. Ich stieg in den Fluss, Richi fotografierte. Das erste Viertel stellte noch kein Problem dar. Gegen die Mitte hin wurde die Strömung aber stärker, der Fluss tiefer und jede Bewegung erforderte 100% Konzentration. Das reissende Wasser reichte mir manchmal bis zur Hüfte und ich musste mich jedes Mal überwinden einen Fuss zu heben. Mit nur noch einem Fuss am Boden und Halt mit den Stöcken benötigte es ziemliches Vertrauen, dass man nicht wegrutschen würde. Langsam, Schritt für Schritt kam ich voran. Alle Gedanken drehten sich nur um die gerade zu vollziehende Bewegung. Schliesslich erreichte ich das ersehnte Ufer mit einem grossen Aufschnaufen. Bald stand Richi im Fluss und hatte die gleichen Probleme und Ängste wie ich vor ein paar Minuten. Ich war etwas nervös beim Zuschauen. Bei einem Sturz würde ich nicht mal helfen können. Auch er schaffte die Furt ohne Zwischenfall. Erleichtert leerten wir das Wasser aus unseren Schuhen. Laut kleinem Buch hätten wir vorläufig keine schwierige Bach- oder Flussüberquerung mehr vor uns. Von nun an presste sich das Wasser in den Schuhen beim Gehen zwischen den Zehen und unter den Fusssohlen hindurch aber daran gewöhnten wir uns. Einige Höhenmeter später, kam ich in den Genuss, zwei, drei Wunschbilder vom hohen Norden im Herbst umzusetzen. Dunkle Wolken lagen über einem kleinen See und am Ufer säumten sich die Birken. Immer wieder warf die Sonne ihr Licht zwischen den Wolken hindurch in mein Bild. Ich brauchte also nur zu warten. Das sind Momente die mich glücklich machen. In der Wildnis zu stehen und den Moment geniessen zu können, bedeutet für mich beinahe die Vollendung. Wir kramten noch ein Stück Schokolade aus dem Rucksack hervor und der Tag schien perfekt zu sein. Nur wenig später mussten wir die Schokolade nochmals hervorholen. Aber diesmal um schnelle Energie zu tanken. Einen Pfad gab es nicht mehr, Höhenmeter wollten erklommen werden und der immer wieder sumpfige Boden und die dichten Sträucher erschwerten das Vorwärtskommen vollständig. Rucksack und Fotoausrüstung schienen uns manchmal in den Boden drücken zu wollen. Ja, der Aufstieg zur Talsenke welche in den Sarek führt ist wortwörtlich Kräfte raubend. Auf etwa 900 M.ü.m. hielten wir die Höhe und gingen entlang eines langen Berghangs ein paar Kilometer in die vorhin genannte Talsenke hinein. Obwohl es so aussah, also ob es in den nächsten Minuten eine Regenfront über uns herziehen würde, schien meistens die Sonne. Einmal konnten wir zwei Rentiere sichten, die sich davon machten als Sie uns erblickten. Auch Lemminge sahen wir ein paar Mal. Diese nahmen die Flucht jeweils gemütlich. Anscheinend stellten wir keine grosse Gefahr dar. An einem schönen Bach mit viel Moos stellten wir das Zelt auf. Diesmal waren wir früher bereit mit unserem Camp und es blieb noch etwas Zeit zum Fotografieren. Aber schon bald waren meine Füsse dermassen kalt, dass ich nur noch in den Schlafsack wollte. Wir waren ziemlich geschafft!
In der Nacht fing es zu regnen an. Mmmh, schon wieder. Und am Morgen dann noch in die kalten und nassen Schuhe rein. Das würde ja ein angenehmer Tag werden. Wir hatten es überhaupt nicht eilig aus dem Zelt zu kriechen. Da wir ohne Uhr und Mobiltelefon unterwegs waren, nahmen wir uns vor, die Tage mit Datum und gemachter Tour niederzuschreiben. Drei Tage konnten wir nun schon notieren, den Vierten packten wir nun an. Wieder wartete ein beschwerliches Gelände auf uns mit dichtem Gestrüpp und viel Sumpf. Ein paar wenige Bäche galt es ebenfalls zu durchqueren, aber wenigstens waren diese relativ einfach zu bewältigen. Nasse Schuhe hatten wir ja bereits. Von oben blieb uns das Wasser auch nicht erspart, während des Wanderns regnete es meistens. Schliesslich überquerten wir die Hängebrücke im Guhkesvagge (Tal). Dies ist eine der ganz wenigen Brücken in diesem riesigen Nationalpark. Auf der anderen Flussuferseite kochten wir eine Suppe. Das war zwar für den Magen gut und gab Energie. Aber Kälte, Regen und Wind liessen uns richtig durchfrieren. Wir hatten eiskalte Füsse und keine Motivation mehr. Anstelle des längeren Weges um einen Bergkamm herum, schlugen wir eine Abkürzung ein, mehr oder weniger gerade darüber hinweg. Der Anstieg war steil und ca. 100 Höhenmeter waren zu bewältigen, dafür kriegten wir wieder warme Glieder. Der Regen liess langsam nach und als wir die Krete erreichten, lag eine eindrückliche Aussicht vor uns mit einem neuen Tal, welches wir zu durchwandern hatten. Ganz hinten lugte der Bierikjavrres, der zweitgrösste See Sareks um eine Bergecke hervor. Noch ein kleines Stück stiegen wir ins Tal hinab. Auf einem ebenen, kleinen Platz mit Bach in der Nähe und toller Panoramasicht richteten wir unser Camp ein. Der Abend verlief gemütlich, ohne Regen und im Schlafsack wurden auch die Füsse langsam wieder warm.
Der nächtlich einsetzende Regen hörte morgens wieder auf und tatsächlich konnte sich bald die Sonne ein bisschen durchsetzen. Jedoch nur für ein wirklich kurze Zeit. Egal, wir genossen den Morgen ohne Regen und konnten endlich wieder einmal in Ruhe ein paar Aufnahmen machen. Ein einsamer Knochen im roten Klee genoss meine Aufmerksamkeit. Aber irgendwann packten wir zusammen und setzten unseren Trip fort. Jetzt war es nicht mehr so weit bis zu unserem Hauptziel, dem Rapadalen. Es ist das Haupttal im Sarek und von einzigartiger Schönheit. Wir waren noch nicht lange unterwegs, da fing es doch schon wieder zu regnen an. Wieder sahen wir Rentiere. Diesmal machte ich Videokamera und Stativ bereit, pirschte mich langsam näher an die Tiere an und konnte auch eine Sequenz einfangen. Bald erreichten wir den grossen See, den Bierikjavrre. Auch an diesem Tag mussten wir uns wieder regelmässig durch mühsamen Sumpf bewegen. Meine Motivation und Freude am Vorhaben sank wieder. Eine angenehme Pause ist ebenfalls unmöglich bei diesem Wetter. Stehend und frierend einen Servelat in sich hinein drücken, so lief das ab. Dann wieder gehen, über nasse Steine rutschen, sich durch Gestrüpp zwängen und durch unzählige Wasserlachen und Rinnsale waten. Der Boden war so was von durchnässt. Überall floss das Wasser aus dem flutschenden Boden und von oben kam ständig noch mehr. Nach dem langweiligen, grauen Wetter an der Küste Norwegens vor einem Monat musste ich nun ein weiteres Desaster von Wetter ertragen. Ist es denn überhaupt möglich, im Norden einfach mal angenehmes Wetter zu erleben? Ich hoffte ernsthaft, die Freude am Norden nicht zu verlieren. Die Schritte schienen anstrengender und meine Nerven angespannter zu werden. Ich wollte geniales Bildmaterial vom Herbst in der Wildnis Lapplands heimbringen. Anstatt mich eines klaren und schönen Lichts erfreuen zu können, musste ich einmal mehr schlechteste Bedingungen ertragen. Bei diesem Wetter tappte ich gerne hinter Richi, so musste ich mich nicht konzentrieren oder einen Weg durch die Sträucher suchen. Ich musste nur einen Fuss vor den anderen setzen und den Regen auf die Kapuze rieseln lassen. Und während ich so über die Situation nachdachte, geisterten auch schon bald die kleinen, frustrierenden Probleme des Alltags im Kopf herum. Aber genau das ist üblicherweise bei so einem Trip nicht der Fall. Vielleicht geht es Anderen auch so, mit den Gedanken. Nach dem Ende des Bierikjavrres (grosser See) lagen weitere, viel kleinere Seen ins Tal eingebettet in dessen Nähe wir das Zelt aufschlugen. Auch Richi hatte genug von diesem Tag. Nasse Kleider weg, Schwanensee-Tanzhosen an und ab in den ersehnten, warmen Schlafsack. Hier gab es nichts mehr zu reklamieren. Bald schmatzten wir eine heisse, gute Suppe. Während der Dämmerung zeichnete sich am Horizont plötzlich gelbliches Licht in den Wolken ab. Endlich wieder mal ein Bild machen! Ich zog die nassen Kleider an und kroch aus dem Zelt in den Abend. Es tat gut, nach den letzten, psychisch harten Stunden, sich einem so schönen Akt wie der Fotografie zu widmen. Bis ich meinen Standort gefunden hatte und bereit stand, war das gelbliche Licht zwar vorüber aber ich genoss den Moment trotzdem. Die Stille in dieser unzähmbaren Natur war besänftigend, beruhigend, ja sogar etwas erholsam.
Am Morgen musste ich mich gleich nochmals hastig in die nassen Kleider und Schuhe stürzen. In einem Seitental fielen durch die Wolken einzelne Sonnenstrahlen auf einen der kleinen Seen. Bald konnte ich eine der fesselndsten Aufnahmen des Trips drehen. Währen der Regen (ja, schon wieder) viele kleine Ringe in den See prasselte, drehten sich langsam, mehrere breite Sonnenstrahlen darüber. Ein gigantisches Spektakel. Fotos und eine siebenminütige Filmsequenz waren im Kasten. Jawohl, das war ein Start in den neuen Tag. Das Haferflocken/Sonnenblumenkerne Frühstück löffelte ich dann wieder im Schlafsack. Der Regen liess nach, die Wolkendecke lichtete sich und die Sonne konnte sich hin und wieder durchsetzen. Plötzlich war es gemütlich geworden. Ein paar Aufnahmen vom Camp noch gemacht bevor wir wieder zusammenpackten und uns eine Stelle suchten um den breiten Bach unseres Tals zu durchqueren. Diese fanden wir bald. Der breite Bach teilte sich hier in drei kleine Bäche auf welche wir problemlos meistern würden. So war es dann auch. Die ganze Landschaft mit dem sich schlängelnden Bach und den Bergen war grandios. Wir waren begeistert, ja euphorisch. Es machte ungeheuer Spass an dieser Furt zu Filmen und zu Fotografieren und so stieg ich sicher gegen 20mal in den kalten Bach. Nun waren wir ziemlich nahe am Rapadalen. Die Talsenke die quer vor uns lag war es bereits. Genau dort, wo die Hochebene aufhörte auf welcher wir uns befanden, war eine Kuppel auszumachen. Dort hinauf wollten wir. Über weitere kleine Bäche und Sumpf gelangten wir bald zu unserem Ziel und nahmen den kleinen Aufstieg in Angriff. Wir erreichten die flache Spitze und … Wow! Die Aussicht war einfach umwerfend. Von hier oben konnten wir über einen grossen Teil des oberen Rapadalen blicken. Der offen mäandrierende Fluss durch das breite Tal stellt das Zentrum des Sarek Nationalparks dar. Das obere Rapadalen lag um die 150 Meter tiefer als das von uns soeben durchwanderte. So sahen wir nach Tagen wieder einmal Laubbäume. Das waren in erster Linie Birken die ihr gelbes Blätterkleid präsentierten. Dass wir diesen grandiosen Aussichtspunkt genau an einem Tag mit sonnigem Abschnitt erreichten, war perfekt. Diesen Punkt und auch das Wetter wollten wir unbedingt geniessen und beschlossen deshalb, gleich hier oben unser Camp einzurichten. Trotz des starken Windes war es kein Problem das Zelt aufzubauen. Anschliessend folgte eine ausgiebige Foto- und Filmsession von Camp, von uns und vom Rapadalen. Es war super gemütlich und genussreich, wenn nur nicht die Füsse immer kälter wurden. Ich stieg dreimal von der Kuppe hinunter zum nächsten Bach und wieder hinauf und holte Wasser nur um warme Füsse zu kriegen. Die warmen Füsse blieben leider aus. Aber ich wollte nicht jammern an so einem herrlichen Moment im Leben. Mit dem nahenden Abend verdichteten sich die Wolken zusehends und deshalb krochen wir mit gutem Gewissen früh in unsere Schlafsäcke und guckten aus dem Zelt in die Ferne. Auch der Regen blieb nicht aus. Weniger gemütlich wurde dann die Nacht. Der „Rüttlisiech“ kam und machte sich übers Zelt her. Übersetzt heisst das: ein starker Wind rüttelte ununterbrochen heftig am Zelt und drückte regelmässig Aussen- sowie Innenzelt in unsere Gesichter. Dass man so keinen tiefen und langen Schlaf findet kann sich jeder vorstellen.
Bei leichtem Regen mühten wir uns am folgenden Morgen ohne Pfad oder dergleichen durch Gestrüpp und viel Sumpf ins Rapadalen hinab. Wie ein steiler Berghang sumpfig werden kann ist mir heute noch schleierhaft. Unmengen von Regen mussten in dieser Region gefallen sein. Aus ca. 30 Meter konnte ich dort ein kräftiges Rentier mit grossem Geweih fotografieren. Im Rapadalen angekommen, wurde das Vorwärtskommen nicht einfacher. Gestrüpp und Sumpf dominierten weiterhin den nur zum Teil sichtbaren Pfad. Auch der Regen wurde stärker. Diesmal hatte Richi genug von der ganzen Tortur die wir über uns in diesen Tagen ergehen lassen mussten. Sein Vorschlag, das Zelt kurz aufzustellen um darin eine Pause machen zu können ohne „verseicht“ zu werden, setzten wir gleich um. Bald sassen wir im Zelt und ich jammerte in die Videokamera. Danach folgte Schokolade, dann ein paar Rauchzeichen, dann Schlafsack und schliesslich lernte mich Richi den Coiffeur zu jassen. Tatsächlich hörte der Regen gegen den Abend auf und wir machten ein paar Aufnahmen in der Umgebung. Das war eine gute Gelegenheit für Nah- und Makrofotografie. Die nassen Pilze, Blätter und Äste brachten eine besonders schöne Farbintensität zu Tage. Dass wir heute nicht mehr weiterwandern würden war schon längstens klar.
Unseren Pausenplatz verliessen wir also erst am nächsten Morgen. Das Wetter war wieder übel, jedoch zurzeit ohne Regen. Uns blieben noch ein, zwei Tage aber es würde wahrscheinlich nichts bringen, sich in dem grau verhangenen Rapadalen, im Regen herum zu schlagen. Unser nächstes Ziel war ein kleines Paralelltal, welches zu einem weiteren Aussichtspunkt führen würde. Vielleicht hätten wir morgen ja wieder eine bessere Sicht. Wir kämpften uns also über 300 Meter steil in die Höhe. Der Aufstieg kostete unsere ganze Kraft. Noch wurden wir vom Regen verschont, aber im Tal (Snawavagge) oben angekommen, prasselte dieser schon bald hernieder. Neben dem Regen herrschte hier oben auch noch Wind und eisige Kälte. Ich musste wieder hinter Richi hergehen um ohne Konzentration in meine Gedanken eintauchen zu können. Wenigstens war es geistig möglich von diesem lebensfeindlichen Ort zu fliehen. Wir machten hinter einem grossen Stein eine ganz kurze Pause. Dort lasen wir in unserem Buch dass der See hier glasklar sei und zu einem Bade einlädt. Schnell gingen wir weiter um etwas Blutzirkulation in unsere eiskalten Füsse zu kriegen. Nach dem Ende des Sees mussten wir nur noch einen kleinen Pass von geringem Höhenunterschied überqueren um ins mittlere Rapadalen zu blicken. Mehr als Nebel präsentierte sich aber nicht vor unseren Augen. Dafür peitschte uns der eisige Regen ins Gesicht und der Wind hatte Sturmstärke angenommen. Schnell suchten wir einen Platz für unser Zelt. Wieder einmal hatte ich saumässig genug von der ganzen Quälerei. Das wiederwertige Wetter, die verdammte Kälte und ewige Nässe, alles hatte ich so satt. Am Bach musste ich während des Wasserholens ein paar Kleinigkeiten aus der Seele schreien. Während ich dann im Schlafsack meine Zehen massierte, betonte ich, dass ich in meinem Leben noch nie eine so widrige Arbeit verrichten musste wie das hier. Und Richi meinte, dass dies sogar seine Ferien seien! Bald folgten aber gemütliche Stunden mit Suppe, Jassen, Spagetti und wieder Jassen.
In der Nacht tobte der „Rüttlisiech“ am Zelt und am Morgen musste ich noch ein dickes Geschäft machen in dem wilden Sauwetter draussen. Das war wirklich kein guter Start. Schnell packten wir alles zusammen und dann hiess es nur noch weg von hier. Es war Zeit, dass wir uns auf den Rückweg machten. Die Aussicht war immer noch gleich, nämlich keine. Wir wanderten retour über den kleinen Pass, am See vorbei, am steilen Hang entlang zur Ebene die wir vor drei Tagen überquert hatten und platzierten unser Zelt vor dem grossen See, dem Bierikjavrres. Laut meinen Notizen, die ich anschliessend im Zelt machte, beinhaltete der Tag folgendes: „Wieder viel Frust und Ärger gegen Ende. Unaufhörlicher Regen.“
Noch wussten wir nicht, dass der nächste Tag wieder ein Highlight bringen würde. Zwar brachte der neue Tag auch immer wieder leichten Regen, die trockenen Abschnitte wurden jedoch immer grösser. Sogar sonnige Minuten mehrten sich. Nach Seeende nahmen wir wieder den Bergrücken in Angriff, die Abkürzung anstatt herumzugehen. Diesmal überquerten wir den langen Berg auf grösserer Höhe. Oben angekommen mussten wir wieder einmal ein lautes „Wow“ von uns geben. Die Sicht auf die andere Seite war prächtig. Eine endlose Weite in den Bergen und Hügeln mit einigen Seen, welche das Zentrum ausmachten, zog uns in ihren Bann. Also, schnell ein Bild in den Kasten lassen solange die Sonne schien. Hier wollten wir bleiben. Der Abend lag zwar noch fern aber das war uns egal. Hier würden wir eine tolle Fotosession von Camp und unserem Material machen können. Wir konnten die wärmende Sonne geniessen bis sie hinter der Krete verschwand. Nach ein paar Stunden ohne Bewegung hatte ich wieder eisige Füsse. Vor allem die Zehen schmerzten. Es war höchste Zeit ins Zelt zu kommen. Dort massierte ich meine gefrorenen Zehen aber sie blieben kalt, sehr kalt. Schliesslich kochte ich warmes Wasser, füllte es in eine der Petflaschen ab und hielt sie gegen die zehn kleinen Patienten. Das half dann endlich. Dämmerung setzte ein und der Himmel blieb offen. Nur einzelne Wolken waren auszumachen. Die erste klare Nacht würde uns erwarten. Bei eingesetzter Dunkelheit wusch ich gerade meine Zahnbürste als Richi durchs Zelt sprang, schoss oder flog und etwas von einem Nordlicht schrie. Meine Zahnbürste flog gleich in die Ecke. Und wirklich, am Horizont glühte ein grünes Licht auf das wie ein Ufo aussah. Genial! Wir hatten tatsächlich das Glück ein Nordlicht und eventuell noch Weitere zu sehen. Viele Minuten später wurde das kleine Nordlicht durch ein anderes abgelöst, das als geschwungenes, unscharfes Band über dem Horizont stand. Stativ und Kamera standen im Vorzelt, den Verschluss öffnete ich vom Schlafsack aus. Das Polarlicht wurde immer stärker und leuchtete ganz deutlich, wieder in grüner Farbe. Herrlich! Schön, dass wir so etwas erleben durften. Nach mehreren Minuten verschwand das geheimnisvolle Licht langsam. Wir blieben noch lange wach und schauten in den Himmel aber es blieb dunkel. Auch während der Nacht schaute ich nach dem Aufwachen immer kurz aus dem Zelt. Aber es blieb weiterhin schwarz am Himmel. Vielleicht war auch der Mond zu hell geworden um die Nordlichter zu sehen. Wir waren glücklich, überhaupt welche gesehenen zu haben.
In den vergangenen Tagen war es spürbar kühler geworden, auch so der folgende Tag. Inzwischen war wieder bewölkt. Wir wanderten den uns vertrauten Weg retour über die Brücke, durch all den Sumpf und das von uns gehasste, dichte Gestrüpp. Der Tag war sehr windig und kalt. Ein feiner Regen und Sonne projizierten einen beinahe permanenten Regenbogen über die Landschaft. Die Pausen waren kurz gehalten, denn nach einer Minute stehen bleiben fing man bereits zu frieren an. An einem ziemlich schönen Platz neben einem kleinen Bach, der an eine Wallisser Suone erinnerte, stellten wir zufrieden unser Zelt auf und waren auch bald im Schlafsack eingemummelt.
Am folgenden Tag mussten wir nicht mehr weit wandern. Es ging noch ein Stück in der bekannten Talsenke retour. Den reissenden Fluss wollten wir aber weiter oben durchqueren wo es wahrscheinlich einfacher sein würde. Das war es dann auch. Das Wasser floss an einer breiten Stelle nicht mit so hoher Geschwindigkeit und reichte uns auch nicht mehr über die Knie hinaus. Ein nicht immer ersichtlicher Pfad führte nun hinunter und wir erreichten bald die Waldgrenze wo wir auf den uns vertrauten Weg stiessen. Es ging vorbei an unserem ersten Schlafplatz, zurück in den Wald mit den vielen roten Blättern im Unterholz, welcher uns am ersten Tag grossen Eindruck gemacht hatte. Es war schön, wieder einmal durch einen Wald zu gehen. Nicht mehr weit von der Staumauer entfernt stand unser Zelt an diesem Abend unter wolkenlosem Himmel am Akkajaure (See). Wir waren sozusagen am Ende unserer Tour. Obwohl glasklar, bescherte uns die Nacht keine weiteren Nordlichter mehr. Und auch am nächsten Tag blieb der Himmel wolkenlos. Der einzige weisse Fleck am Himmel war der Mond. Es war als ob man uns sagen wollte: „Doch, doch. Es geht schon mit schönem Wetter, aber nicht mit Euch!“ Es war unglaublich. Egal, wir waren zufrieden, wir hatten es geschafft. Es folgte ein Busfahrt nach Gällivare, ein ersehntes, kaltes Bier, eine Übernachtung im gleichen Hotel das fast den doppelten Preis verlangte weil Sonntag war, eine weitere Busfahrt nach Kiruna und eine letzte Nacht in einem einfachen Zimmer, dafür mit kleiner Küche ausgestattet. Ich koche sehr gerne, besonders nach diesem Trip und so gab es zum Dinner eine Bratpfanne voll Fleisch und ein Pfanne voll frischem Gemüse. Zusammen mit ein paar Bieren und blöden Kommentaren über den Inhalt am Fernsehen war dies ein genüsslicher Abschluss sowie Rückkehr aus der Wildnis. Die vergangenen zwei Wochen reihten sich als bedeutendes und spannendes Erlebnis in mein Leben ein.